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Kita-Plus und was daraus werden könnte

Kitaplus, das neue Förderprogramm der Bundesregierung, wurde gestern vorgestellt. Kindertageseinrichtungen, die flexiblere Öffnungszeiten anbieten, sollen nun staatlich gefördert werden. Mit bis zu 200 000 Euro jährlich. Auch für Tagesmütter ist eine Förderung möglich.

Flexiblere Öffnungszeiten bedeutet hierbei die Zeiten abzudecken, in denen die Kitas normalerweise geschlossen sind: Am Abend, am Wochenende, nachts und an Feiertagen.

In den großen Schlagzeilen ist verständlicherweise heute nichts davon zu lesen. Die Vorfälle in Köln und Istanbul sind brisanter und beschäftigen natürlich einen größeren Teil der Bevölkerung. Doch als ganz unwichtig empfinde ich diese Neuigkeit trotzdem nicht. Momentan ist es nur ein Förderprogramm und keine Kita muss diese Leistungen bieten; auch teilnehmende Kitas müssen wohl nicht alle der oben genannten Zeiten abdecken. Doch zukunftsweisend ist es trotzdem. Bis es für solche Öffnungszeiten flächendeckend eine verpflichtende, gesetzliche Grundlage geben wird, das wird mit Sicherheit noch dauern. Aber der Ruf danach ist da. Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist ein großes Thema und da gehören erweiterte Öffnungszeiten wohl dazu. Und der Ruf danach wird anscheinend auch gehört.

Das könnte natürlich in Zukunft nicht nur eine Berufssparte grundlegend verändern sondern insgesamt das Wort „Familienleben“ stark verändern.

Für viele, teils auch alleinerziehende, Mütter und Väter wäre dies natürlich ein Fortschritt. Viele haben keinen Job mit kita-freundlichen Arbeitszeiten und müssen eben auch an Feiertagen oder nachts arbeiten. Und viele haben eben keine Oma griffbereit. Trotzdem muss der Lebensunterhalt natürlich verdient werden. Mit Kinder abschieben hat das also rein gar nichts zu tun.

Ich selbst bin in der Kindertagesbetreuung tätig und sehe das alles trotzdem mit sehr gemischten Gefühlen. Ich persönlich möchte nicht in ein Drei-Schicht-System einsteigen, welches 365 Tage im Jahr läuft. Aber ich habe auch Kollegen, die das nicht stören würde. Was ich aber viel kritischer sehe als die Situation des pädagogischen Personals ist die Situation der Kinder. Was meiner Meinung nach nicht gesehen wird, ist die Anstrengung, die ein Kita-Tag für ein Kind bedeutet. In Pädagogen-Kreisen wird es oftmals mit der Anstrengung gleichgesetzt, die ein Erwachsener während einem Arbeitstag erlebt. Eine große Gruppe und sich darin einfügen, zu erledigende Aufgaben, an Regeln halten, Freundschaften aufbauen und auch mal streiten, die Welt entdecken und verstehen verlangt von einem kleinen Menschen mehr ab, als oft angenommen wird.

In dem Programm ist keine Verlängerung der Betreuungszeit der Kinder selbst vorgesehen, sprich: Kein Kind kommt um 8 Uhr und bleibt bis 22 Uhr, sondern die Kinder kommen zu individuelleren Zeiten. Je nach Arbeitszeiten der Eltern eben schon vor dem Frühdienst oder eben erst nachmittags oder abends. Klingt erstmal sehr kinderfreundlich. Für mich als Fachkraft aber zwiespältig. Kinder haben noch nicht das Zeitgefühl, das wir haben. In dem betreffenden Alter können sie meist noch keine Uhr lesen, geschweige denn sie verstehen. Somit orientieren sie sich an festen Angelpunkten im Alltag: Morgenkreis, Frühstück, Gartenzeit, Mittagessen, etc. Diese Dinge bieten Sicherheit, die Kinder können ungefähr abschätzen wo im Tagesablauf sie sich befinden und wissen „Okay, alles ist wie immer, alles ist gut.“

Kommt ein Kind nun aber mal vormittags und mal nachmittags, vielleicht auch erst abends vor dem schlafen, fehlt ein Großteil dieser Sicherheit. Es ist eben nicht alles wie immer, sondern vielleicht so wie manchmal. Um in dieser Situation eine Umgebung und Struktur zu schaffen, die trotz Flexibilität noch den Halt gibt, den es braucht um es ohne Mama und Papa auszuhalten, stelle ich mir sehr schwer vor.

Außerdem hat auch der Elementarbereich einen immer größer werdenden Bildungsauftrag zu erfüllen. Diesen mit einer immer wechselnden Gruppe zu erfüllen ist im Prinzip fast unmöglich. Das wäre so als wären in einer Klasse ein paar Schüler vor der großen Pause da und ein paar nur danach – und das auch je nach Tag und Woche nicht zuverlässig zur gleichen Zeit. Das Kind was immer vormittags in der Kita ist sollte vor dem Schuleintritt dasselbe erfahren haben wie das Kind, was oft erst mittags oder abends kommt.

Meine Befürchtung ist hier eine Rückentwicklung zur reinen Unterbringungsmöglichkeit für Kinder. Und das will wohl keiner.

Und mit der Kita ist es in dem Arbeitszeitproblem leider nicht getan. Denn mit sechs Jahren kommt der Übergang zur Schule mit festem Stundenplan und langem Ferien.

Mein Fazit: Für die Eltern habe ich vollstes Verständnis und sehe das bestehende Problem. Auch ich möchte, dass die Kinder trotz schwieriger Arbeitszeiten gut und zuverlässig untergebracht sind. Das neue Förderprogramm wirft natürlich nur Vorschatten dessen, was vielleicht mal kommen wird. Trotzdem sehe ich in dieser Hinsicht schon jetzt große pädagogische und organisatorische Probleme, die auf keinen Fall außer Acht gelassen werden dürfen.

 

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Ein Kommentar zu „Kita-Plus und was daraus werden könnte

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